Montag, 06.09.2010
Aktuelles: Nachrichten von SJV und DJV
Meldung des SJV
Alles ein bisschen online


Einige Meter weiter schießen sonst die Promis auf die Torwand und moderiert Andrea Kiewel den Fernsehgarten: Das Gelände des ZDF bot am 15. Mai aber einmal mehr einer Journalistenveranstaltung Raum für Workshops und Debatten. Der Süddeutsche Journalistentag der Landesverbände Bayern, Hessen, Rheinland-Pfalz, Thüringen und Saarland stand auf dem Terminkalender. Auch der Saarländische Journalistenverband war vertreten: mit Marie-Elisabeth Denzer (SR) und Ilka Desgranges (SZ) als Foren-Moderatorinnen und Karin Lambert-Butenschön (SR) als Talkgast im Forum Recherche. Dazu nahmen auf den Zuhörer-Stühlen noch mal knapp 15 SJV-Mitglieder Platz.
Bei der Veranstaltung auf dem Prüfstand: Zustand, Probleme und Perspektiven des Journalismus in Deutschland. Wie bereits bei der Tagung "Besser online", die am 21. November 2009 ebenfalls beim ZDF stattgefunden hatte, spielten auch diesmal Google, Blogs und Twitter eine wichtige Rolle - nicht nur im speziellen Online-Forum. Auch die Diskussionsrunden "Crossmedia" (Modelle von Online-zusammenstellbaren Zeitungsabos, die sich aus Einzelseiten bekannter Titel speisen), "Rundfunk" (Drei-Stufen-Test für Online-Angebote des öffentlich-rechtlichen Rundfunks) und "Lokales" kamen um das Thema nicht herum. Ebenso wenig wie das eröffnende "Nachrichten"-Forum, das Denzer moderierte. Ines Pohl, Chefredakteurin der taz deutete in Zeiten hohen Konkurrenzdrucks bei der Veröffentlichung von Nachrichten die "Schwäche" der Zeitung, erst am Folgetag zu erscheinen, in eine Stärke um: "Da bleibt mehr Zeit für die Recherche, um die Geschichte aufzubereiten." Elmar Theveßen, stellvertretender ZDF-Chefredakteur, kritisierte, dass sich Fernsehsender gegenseitig vorrechnen, wie lange sie brauchen um eine Meldung zu bringen. Das sei kontraproduktiv. Dabei sei man im Fernsehen durchaus "getrieben". Filmmaterial produzierten oft Fremdfirmen, Redakteure säßen nur noch im Büro. DPA-Chefredakteur Wolfgang Büchner betonte, dass in Zeiten schneller Aktualisierungen durch Web-Nachrichten die Richtigkeit vor Geschwindigkeit kommen müsse. Büchner: "Alles andere schadet der Glaubwürdigkeit." Großer Nachholbedarf wurde bei der Frage deutlich, wie oft und kompetent die Anwesenden Blogs oder Twitter durchforsteten. Für derartige Online-Recherchen seien viele der Zuhörer nicht ausgebildet worden, gaben sie auf Nachfrage an. Da hallte Büchners Forderung fast wie Wunschdenken durch die Empfangshalle des ZDF-Kongresszentrums: "Es muss selbstverständlich werden, dass Journalisten eine effiziente Netzwerkrecherche zu eigenen Themen durchführen können."
Im selben Themenfeld weiter ging es im "Recherche"-Forum, bei dem etwa die Frage im Raum stand, ob und wie Journalisten im Netz brisante Infos oder Quellen finden. Einigkeit herrschte darüber, dass man höchstens Grundlagen ergoogeln könne, Ansatzpunkte für Interviews und weitere Nicht-Online-Recherchen. Adrian Peter, Chef von Dienst von Report Mainz betonte, dass das Internet für Fakten in den investigativ recherchierten Beiträgen seiner Sendung gar keine Quelle sei: "Da lieben wir echte Dokumente, die zeigen, dass Missstände systematisch sind." Das sei auch deshalb nötig, weil inzwischen fast jede Recherche juristisch angefochten werde. Über Suchmaschinen aus dem Netz gezogene Daten wären da ein gewaltiges Risiko.
Wie das Internet die Berichterstattung im Kleinen bereichern kann, führten die Teilnehmer des Forums "Lokal" aus. Michael Wagner etwa verwies auf www.fussball-passau.de, eine von ihm geleitete Web-Plattform für lokale Fußballergebnisse, die aktueller sei als die Tageszeitungen. Entstanden sei das Projekt auch genau aus dem Grund, dass insbesondere die Printmedien zu langsam berichteten. Ähnlich gut läuft nach Angaben von Martin Huber (Gogol Medien) sein deutschlandweites Internetportal www.myheimat.de. Darauf können Menschen zu jeder Stadt und jedem Ort das schreiben, was sie bewegt und woran sie Anteil nehmen. Verlage können über eine Lizenz auf die Inhalte zugreifen. So entlasteten laut Huber Bürgerreporter die Lokalredaktionen, es bliebe dort mehr Zeit für investigative Recherchen.
Als Sensation angepriesen wurde das neue Tool "Newstin", das, so versprechen die Macher, das Potential hat, Nachrichtenagenturen überflüssig werden zu lassen. Die Vorstellung dieses Systems, das Webseiten analysiert und die Verläufe und Häufigkeiten von Meldungen in aller Welt auswertet, dabei mehrere Sprachen berücksichtigt und so schnell anzeigt, welche Nachrichten gerade weltweit welche Wichtigkeit haben, geriet allerdings zur Werbeveranstaltung. Die Frage nach dem Preis konnte Präsentator Alexander Felsenberg auch nicht so genau beantworten. Günstiger als die Nachrichtenagenturen sei es allerdings. Übersetzt werden die Texte, und das war einer der Haupt-Kritikpunkte, von der fehleranfälligen Google-Software. Auch Manipulationsmöglichkeiten bestünden, wenn jemand eine bestimmte Nachricht lancieren will, gestand Felsenberg ein. Dennoch: CNN habe wegen des Systems bereits seine Agenturen abbestellt. Ob Newstin in einem Jahr eine Randnotiz der Mediengeschichte sein wird oder auch deutsche TV-Stationen und Zeitungen revolutioniert hat – darum drehen sich vielleicht die Foren beim Süddeutschen Journalistentag 2011.
Eric Kolling (Text & Fotos)
Link: www.jt-s.de


